Text

Der Kosmos von Susi Gelb beherbergt Biotop und Labor zugleich. Hier agieren Kunstwerke, Objekte und Projektionen, transformieren und wachsen. Die Materie ist aus ihrer statischen Verhaftung befreit, alles zirkuliert und interagiert. Die Künstlerin arrangiert ein Labor-Setting, in dem Zustände, Reaktionen und Zwischenprodukte entstehen, aber stets eine unbekannte Variable, eine neue Auswirkung hinzukommen kann. Ein Prozess der Selbstorganisation von Materie wird möglich.

Susi Gelb arbeitet prozesshaft und in komplexen Arbeitsschritten – dabei greift sie auf verschiedenste Medien und Techniken zurück. So ergibt es sich von selbst, dass die entstehenden Objekte unterschiedlich präsent, haltbar, steuerbar oder gar veränderlich sind. Susi Gelb bezeichnet sich als Forscherin. Auch der Künstlername GELB entspricht der Forschungsaufgabe: „yellow is a substitute for something I don‘t know yet“. So wie die gelbe Python im Video “space enquiry (loading)” den Körper der Künstlerin beständig umfließt, stellt auch das Scrollen durch Google Underwater oder durch die Andromeda-Galaxie ein ständiges Fließen, eine unendliche Suche dar. Susi Gelb ist Forscherin mit digitalen wie analogen und alchemistischen Mitteln.

Die multimedialen Raumlandschaften muten oft wie Laborsettings an, die im weitesten Sinne „belebt“ sind. Viele ihrer Kunstwerke besitzen eine Aura der Metamorphose und strahlen die Möglichkeit und die Tatsächlichkeit von Veränderung aus. Gleichzeitig schafft es Susi Gelb, die Atmosphäre von Räumen durch ihre Eingriffe vollständig zu ändern. Die Verschränkung von Zeithorizonten und Zuständen lässt eine Leichtigkeit entstehen, die Dinge zum Schweben bringt. Statt sich auf der linear- narrativen Bahn zu erstrecken, vertieft sich die Zeit vertikal. Gleichermaßen ist auch ihr Forschungskosmos nicht linear aufgebaut, sondern rhizomatisch.

Eine immersive Kraft geht von den Videoinstallationen aus: die Videoarbeit space enquiry (loading) zum Beispiel eröffnet ein virtuelles Spielfeld. Select your character! Lebensgroß wird der Avatar der Künstlerin stets neu geladen. Die Figur von Susi Gelb wird dabei von einer gelben Tigerpython umspielt und befindet sich in einer künstlichen Atmosphäre, die von einer suchenden Kamerafahrt durch ein hochauflösendes Foto der Andromedagalaxie bestimmt wird. Am 5. Januar 2015 veröffentlichte die NASA die weltgrößte Fotografie mit 1,5 Milliarden Pixeln. In diesem Abbild der Andromeda-Galaxie kann man sich verlieren. Hier wird digital immer tiefer in die riesige Fotografie der Galaxie eingezoomt und hin und her gefahren, bis die extreme Vergrößerung des Sternenhimmels plötzlich formale Ähnlichkeiten zur gelb-weiß gemusterten Schlangenhaut bekommt. Durch die Überlagerung von Hintergrundvideo und Vordergrund entstehen zwei Ebenen, die fast virtuell wirken – obwohl der Effekt ganz analog erzeugt wurde. Das Video ist ein Loop, der keinen Anfang und kein Ende erkennen lässt. Durch die Projektion auf sehr leichten Stoff, der locker von der Decke hängt und etwas über dem Boden schwebt, wird der virtuelle Effekt noch verstärkt. Die freischwebende Videoprojektion eröffnet eine neue Dimension und zieht den Betrachter in sich hinein. Die informationelle High Definition belässt trotz ihrer hohen Auflösung vieles im angenehm undefinierten Raum. Es geht um einen Schwellenmoment – loading: der Inhalt befindet sich im Ladeprozess; wie groß er wirklich ist und ob er je vollständig geladen werden kann bleibt unklar. So schwebt der virtuelle Vertreter von Susi Gelb im Kontinuum – präsent und doch nicht greifbar. Die langsam morphenden, sich entfaltenden Figuren lassen die Zeit wie zu einem Gemälde gerinnen. Zeit wird Raum.