interview

 

Interview von Freund Art Blog mit Susi Gelb, Februar 2014

Freund Art: Liebe Susi, lass uns direkt einsteigen: Was hat dich bei deiner Diplomarbeit beschäftigt?
Susi Gelb: Ich arbeite grundsätzlich sehr prozesshaft und in komplexen Abläufen, deshalb ist für die Diplomausstellung eine atmosphärische Laborsituation entstanden, die meinem aktuellen Forschungsprojekten entspricht. Ich finde es immer schwierig, ein einzelnes, singuläres Objekt aus meinem Oeuvre herauszunehmen. Mich interessieren Situationen, Atmosphäre und Raum, keine „drop sculptures“; ein Prozess soll sichtbar werden und auch beim Betrachter sollen verschiedene Prozesse ausgelöst werden, verschiedene Stufen des Verständnisses – und vielleicht teilweise auch ein Auf-der-Schwelle-bleiben.
Meine Arbeitsweise könnte man im weitesten Sinne als alchimistisch bezeichnen: Das ganze letzte Jahr über habe ich viele Güsse gemacht und mit Materialkombinationen experimentiert. Daraus ist nun eine Art Laborsituation geworden… – mit den verzinkten Stahlplatten an den Wänden, die den Raum besetzten, sie strahlen auch etwas Steriles aus und so wird eine komplette Raumsituation geschaffen. Ich mag es sehr, dass die Platten so diffus spiegeln und die Raumkanten dadurch gebrochen werden. In ihrer Materialität entsteht so eine gewisse Aufladung. Walter Benjamin definiert Aura ja als empfundene Ferne trotz der Nähe.
FA: Die Gegenstände auf dem Tisch haben auch eine geheimnisvolle Ausstrahlung…
SG: Ja, auf dem langen Tisch befinden sich Laborutensilien, Ausgangsprodukte und Endprodukte, verschiedene Blei- und Gießharzgüsse und Fundstücke wie z. B. zwei Fettkissen aus dem Baumarkt oder ein Magnetisierer/Demagnetisierer. Die Anordnung erinnert an eine Vitrine in einem wissenschaftlichen Museum – nur ohne Glas darüber. Weiter hinten im Raum hängt ein Apparat von der Decke, der ein Eigenleben im Loop führt. Er blättert ständig und spiegelt sich dabei in den Metallplatten. Aufgrund einer Zufallsprogrammierung bekommt die Maschine ständig neue Zahlen geliefert und blättert so in wechselnden Rhythmen, aber immer fortlaufend ohne Halt. Der Rhythmus der Geräusche dieser Maschine, das fortlaufende Drehen ist betörend und verstörend zugleich und irgendwie hat es auch etwas von einem verrückten Messinstrument, das Zeit-Regime steuert.
FA: Die Maschine erinnert an alte Bahn-Anzeigen, mit dem Umklappen der einzelnen Blätter…
SG: Ja, es ist eine U-Bahn-Anzeigetafel aus den 70er Jahren. So wie andere Leute eine Uhr in ihrem Büro über dem Schreibtisch hängen haben, hängt bei mir diese Maschine, die zunächst gar nicht direkt lesbar ist, sondern vielleicht erst, wenn man sich auf eine andere Ebene begibt. Vorne sind die Anzeigeblätter verspiegelt und hinten läuft ein Trickfilm. D.h. vorne spiegelt sich stets der Umraum. Der Trickfilm auf der Rückseite besteht aus einem Loop von 40 Einzelblättern. Man sieht gezeichnete Nebelschwaden vorbeiziehen, ohne Anfang und Ende.
FA: Deine echte Zeichnung, den Trickfilm sieht man eigentlich erst, wenn man hinter die Maschine schaut.
SG: Da der Trickfilm auf der abgewandten Seite der Anzeigetafel läuft, ist er zunächst kaum zu sehen. Auf der verzinkten Metallplatte hinter der Anzeigetafel befindet sich ein verspiegeltes Dreieck, das den Trickfilm diffus spiegelt. Aber viele Besucher denken zunächst, die Reflexion der vorbeiziehenden Schatten sei eine Beamerprojektion. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass der Trickfilm wirklich in der Maschine läuft, wie eine analoge Projektion. Dadurch entstehen viele verschiedene Ebenen. Das Spiegeldreieck scheint vor den verzinkten Platten zu schweben, das Gespiegelte jedoch scheint weit dahinter zu liegen. Und nochmal ein Stück davor blättert die verspiegelte Anzeigetafel. So entsteht auch eine fast virtuelle Ebene, die allerdings sehr analog erzeugt ist.
FA: Hat Dich diese Art der Zeichnung, der Trickfilm, schon früher in künstlerischen Arbeiten beschäftigt?
SG: Ja, eigentlich ganz am Anfang von meinem Studium. Ich war damals sehr begeistert, dass man durch Zeichnungen mit ganz einfachen Mitteln Bewegung und Rhythmus schaffen kann. Aus dieser Faszination heraus sind dann viele Trickfilme und Daumenkinos entstanden und dabei habe ich immer überlegt, wie man sie am besten präsentieren könnte. Da kam der Gedanke an eine solche Blättermaschine das erste Mal auf.
FA: Der Titel Deiner Arbeit unspaced measures bezieht sich auf die Materialität und Reflexion der Rauminstallation?

SG: Der Titel bezieht sich auf das Gesamte und auf die Einzelteile gleichermaßen. Ich wollte einen übergreifenden und geheimnisvollen Titel. Unspaced ist ein ungewöhnliches Wort, das es eigentlich nicht gibt und das auch im Sinn nicht ganz greifbar ist. Für mich ist Kunst immer ein Suchhorizont, so vielschichtig und sprachlich und rational nicht komplett durchdringbar; das spiegelt der Titel auch wider. Die Maschine blättert zufällig die 40 Blätter durch, ohne stehen zu bleiben, aber immer wieder wechselt ihr Rhythmus. Der Zufall ist ein wichtiges Element in meiner Arbeit, genauso wie Rhythmus und Loopschleifen, besonders in meinen Videoarbeiten.
FA: Noch einmal zurück zum Tisch. Durch ihn erschaffst du eine Werkstattatmosphäre. Es ist aber auch eine Sammlung von Werkzeugen und älteren Werken, wie eine Sammlung und Präsentation deiner künstlerischen Vergangenheit. Folgt die Anordnung einem bestimmten persönlichen System?
SG: Alles gezeigte ist im letzten Jahr entstanden. Die Anordnung entstand intuitiv, rein assoziativ. Durch die Anordnungen entsteht eine ganz neue Energie zwischen den einzelnen Objekten.
FA: Gibt es die perfekte Stelle?
SG: Exactness is a fake. (lacht) Die in Harz eingegossene Bronze und die versilberte Ananas. Beides sind ganz neue Arbeiten, sie sind das Zentrum. Alles andere habe ich um sie herum angeordnet.
FA: Eine Werkcollage, Arbeitscollage…?
SG: Ja, eigentlich ist es für mich auch wie ein Katalog meiner Arbeiten. Durch das Auswählen, Verteilen, Anordnen, Wegnehmen entstehen immer wieder neue Bezüge. In dieser Zusammenstellung hat sich etwas Neues entwickelt, das sich aber ebenso in meine individuelle Mythologie einreiht.
FA: Die Arbeiten aus gelbem Gießharz, das sind die, für die ich Dich kenne. Sie sind für mich typisch Susi Gelb. Diese Arbeit ist nun ganz anders. Wieso hast Du Dich entschieden, in Deiner Diplomarbeit in eine neue Richtung zu gehen?
SG: Eigentlich ist für mich schon länger klar, dass es nicht um einzelne Produkte gehen kann. Gelb ist ein übergeordneter Begriff, der mit der Farbe an sich nicht viel zu tun hat. Er steht für mich für Licht, Energie, Rhythmus, Notiz – aber auch für das Experiment an sich. Ich habe mir einmal notiert, „yellow is a substitute for something i don’t know yet“. Schon seit einigen Jahren sind meine Arbeiten nicht gelb-gelb (als Farbe), sondern es geht für mich vielmehr um eine Materialaufladung, um Aura, um Suche. Gelb steckt für mich persönlich natürlich trotzdem drin – aber als abstrakter Begriff. Gelb steht für mich auch für Künstlichkeit, Virtualität, Geschwindigkeit und Verletzlichkeit. Sobald man in der Malerei ein anderes Pigment zu Gelb hinzufügt, wird es verwaschen oder stumpf. Es ist eine fragile und hochsensible Farbe. Gleichzeitig ist es aber die Farbe mit der besten Fernwirkung. Es ist diese Ambivalenz und der alchimistische Bezug, die mich interessieren.
FA: Die Maschine steht sinnbildlich für deinen künstlerischen Schaffensprozess, das Geräusch des Umblätterns für deinen Denkprozess…
SG: Ich denke sehr netzwerkartig, assoziativ und wenig kausal oder linear. Ich lebe in Luhmanns Zettelkasten. (lacht) Dafür steht auch wieder die Maschine. Sie steht auch für eine gewisse Getriebenheit, die einen Künstler am arbeiten hält aber manchmal auch quält.
FA: Wie geht es für Dich nun weiter?
SG: Ich arbeite natürlich weiter in meinem alchimistischen Labor. Außerdem konzentriere ich mich gerade auf mein eigenes Archivsystem. Und dann gehe ich ins Ausland, Brüssel, England, USA…
FA: Vielen Dank – Ein Schlusswort?
SG: Ein wichtiges Wort für mich ist in letzter Zeit „Serendipität“. Das bedeutet, dass man bei den besten Experimenten immer erst danach sagen kann, was man hätte suchen können oder auch etwas ganz anderes findet als man erwartet hätte. Das gute an einem künslterischen Experiment ist ja, dass man sich überraschen lässt und vielleicht etwas ganz anderes entdeckt als das ursprünglich gesuchte.

unspaced measures – enquiry by Susi Gelb/ multimedia installation/ 2014